Bremens Straßenbahnen analysieren jetzt Fahrgäste mit künstlicher Intelligenz
Das neue System AI Watch wertet Videostreams in den Waggons in Echtzeit aus, um Handgreiflichkeiten sofort an die Leitstelle zu melden.

Die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) stattet ihre Flotte mit einem KI-gestützten Analysesystem aus, das physische Auseinandersetzungen in Echtzeit erkennen soll. Die Software wertet Videostreams lokal in den Waggons aus und alarmiert bei potenziellen Gefahren umgehend die Leitstelle.
Lokale Analyse statt Cloud-Anbindung
Das System mit dem Namen "AI Watch" greift auf die neun bis elf bestehenden Deckenkameras in den Fahrzeugen zurück. Ein unabhängiger Rechner direkt im Waggon analysiert die hochauflösenden Videodaten in Millisekunden. Die künstliche Intelligenz fokussiert sich dabei auf spezifische Körperhaltungen und dynamische Bewegungsabläufe, um Handgreiflichkeiten oder auffälliges Verhalten treffsicher zu identifizieren. Gesichtsausdrücke fließen nicht in die Bewertung ein.
Sobald das KI-Modell eine physische Bedrohung registriert, sendet die Software einen Alarm samt Live-Bild an die BSAG-Zentrale. Die dortigen Mitarbeiter können die Situation sichten und bei Bedarf sofort Einsatzkräfte alarmieren.
Um den strengen Datenschutzvorgaben gerecht zu werden, findet die gesamte Rechenleistung via Edge-Computing ausschließlich lokal statt. Das System verpixelt die Gesichter aller erfassten Personen automatisch, bevor eine Übertragung an die Leitstelle erfolgt. Zudem nutzt der Betreiber die anfallenden Aufnahmen nicht für ein weiteres Training des Algorithmus. Eine dauerhafte Speicherung der Bilder entfällt, lediglich ein lokaler 72-Stunden-Ringpuffer steht der Polizei für nachträgliche Ermittlungen zur Verfügung.
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Kritik an intransparenter Einführung
Die BSAG hat das System gemeinsam mit dem Bremer Startup "Just Add AI" entwickelt. Das Transportunternehmen erprobt die Technik bereits seit April 2025 in einem Pilotfahrzeug. Datenschützer warnen vor einer anlasslosen Kontrolle des öffentlichen Raums und rügen das Vorgehen. Die Öffentlichkeit wurde erst knapp ein Jahr später über die laufende Verhaltensüberwachung informiert.
Ein vergleichbarer Ansatz in Hamburg lieferte in der Vergangenheit durchwachsene Ergebnisse bei der Fehlerquote. Die Bremer Verkehrsbetriebe halten dennoch konsequent an dem Konzept fest.
Bis Ende 2026 rüstet das Unternehmen rund ein Drittel seiner Straßenbahnen mit der Technik aus.
Pro Jahr verzeichnet die BSAG etwa 150 physische Auseinandersetzungen unter Fahrgästen. Die Kosten belaufen sich auf 10.000 Euro pro Fahrzeug, wobei der Bund 80 Prozent der Finanzierung durch ein Förderprogramm übernimmt. Damit etabliert die Stadt einen ersten breiten Anwendungsfall für automatisierte Verhaltensanalyse im deutschen öffentlichen Personennahverkehr.