Ein Atomkraftwerk in Frankreich mit Macron

Kommentar: Das Märchen vom unendlichen Atomstrom für KI

Andreas Becker GPT-Images-2.0
Ein Atomkraftwerk in Frankreich mit Macron

Frankreichs Präsident Macron wirbt mit Kernkraft um milliardenschwere KI-Rechenzentren. Doch wer auf alternde Reaktoren in Zeiten von Hitzewellen setzt, rechnet sich die Realität schön. Europas KI-Zukunft liegt woanders.

Wenn Macron den Betreibern von Rechenzentren den roten Teppich ausrollt, hat er ein simples Verkaufsargument im Gepäck. Frankreich, so der Präsident, habe reichlich Atomstrom. Das Land exportierte zuletzt über 90 Terawattstunden Strom im Jahr. Einen Teil davon könne man problemlos in neue KI-Serverfarmen leiten.

Doch eine Jahresbilanz ist noch lange keine Garantie für Strom rund um die Uhr.

Atomkraft im Sommer

Die Realität dieses Sommers zeigt, wie löchrig dieses Versprechen ist. Anfang August mussten in Frankreich drei Atomreaktoren abgeschaltet werden. Drei weitere wurden gedrosselt. Schuld waren niedrige Flusspegel und zu warmes Kühlwasser.

Dieses Problem betrifft nicht nur Frankreich.

In Ungarn entging das Kernkraftwerk Paks nur knapp der vollständigen Abschaltung. Zeitweise lief nur noch eine Turbine mit rund 240 Megawatt. Das entspricht gerade einmal etwa zwölf Prozent der normalen Gesamtleistung. Der Wasserstand der Donau war historisch niedrig.

Wenn das die beworbene Basis für den Dauerbetrieb künstlicher Intelligenz sein soll, steht die Branche vor einem ziemlich einfachen physikalischen Problem.

Atomkraft braucht Wasser.

Macrons Verweis auf hohe jährliche Exportüberschüsse ist deshalb nur die halbe Wahrheit. Frankreich kann heute viel Strom exportieren. Das bedeutet aber nicht, dass dieser Strom jederzeit und zusätzlich für gewaltige neue Verbraucher bereitsteht.

KI-Rechenzentren ignorieren Jahreszeiten. Sie benötigen permanent enorme Mengen an Energie. Ein Betreiber kann seine Server nicht einfach herunterfahren, nur weil die Mosel im Hochsommer Niedrigwasser führt.

Natürlich steht Frankreich deshalb nicht plötzlich ohne Strom da. Selbst während der aktuellen Abschaltungen exportiert das Land weiterhin Elektrizität.

Doch genau das ist nicht der Punkt.

Die geplanten KI-Rechenzentren sind in diesem Verbrauch noch gar nicht enthalten. Wer den heutigen Exportüberschuss wie ein Guthaben behandelt, das nur darauf wartet, von OpenAI, Microsoft oder Google verbraucht zu werden, macht es sich sehr einfach.

Gleichzeitig verlässt sich Frankreich auf einen Kraftwerkspark, dessen Reaktoren im Schnitt rund 40 Jahre alt sind. Hitze, Wartung und technische Probleme werden dadurch nicht verschwinden.

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Alternative zu Atomkraftwerken

Wer nun hofft, den zusätzlichen Energiehunger einfach mit neuen Atomkraftwerken zu stillen, hat den Kalender nicht verstanden.

Ein neues AKW in Europa zu planen und ans Netz zu bringen, dauert viele Jahre. Frankreich selbst plant den ersten neuen EPR2 derzeit für 2038. In der Realität kann es aber auch gut mal 20 Jahre dauern oder noch länger.

Die Technologiebranche skaliert ihre Rechenzentren aber jetzt.

Nvidia verkauft die Chips jetzt. OpenAI, Google, Microsoft und Meta bauen ihre Infrastruktur jetzt. Europa versucht jetzt, bei künstlicher Intelligenz nicht völlig den Anschluss zu verlieren.

Ein Reaktor, der 2038 Strom liefert, hilft einem Rechenzentrum herzlich wenig, das 2028 ans Netz gehen soll.

Es ergibt keinen Sinn, für einen extrem schnellen Sektor auf eine der langsamsten Energieformen überhaupt zu setzen.

Wer in den nächsten Jahren zusätzliche Strommengen für Rechenzentren schaffen will, kommt an Solar- und Windenergie nicht vorbei. Diese Anlagen lassen sich wesentlich schneller bauen.

Natürlich lösen Windräder und Solaranlagen das Problem nicht alleine. Dazu braucht es Batteriespeicher, leistungsfähige Stromtrassen, Wasserkraft, bestehende Kraftwerke und einen europäischen Strommarkt.

Aber all das lässt sich schneller erweitern als ein neues Atomkraftwerk.

Ab in den Norden

Das erfordert allerdings auch eine geografische Korrektur.

Rechenzentren produzieren selbst gewaltige Mengen an Abwärme. Es ist widersinnig, neue Serverfarmen ausgerechnet dort zu konzentrieren, wo im Sommer bereits das Kühlwasser für Kraftwerke knapp wird.

Die logischere Heimat für große Teile der europäischen KI-Infrastruktur liegt im Norden.

Norddeutschland und Skandinavien bieten kühles Klima, viel Windenergie, teilweise enorme Wasserkraftressourcen und Platz für neue Infrastruktur.

KI mag es kalt.

Frankreich verfügt ohne Zweifel über viel Atomstrom. Das Land wird damit auch weiterhin einen wichtigen Beitrag leisten.

Doch die Vorstellung, der heutige französische Stromüberschuss sei eine praktisch unbegrenzte Energiereserve für Europas KI-Boom, bleibt ein Märchen.

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