Anthropics Börsenprospekt: Fünf überraschende Details und eine Aktie sie alle zu knechten

Anthropic bereitet seinen Börsengang vor und legt dabei Verträge über Hunderte Milliarden Dollar sowie eine ungewöhnliche Machtverteilung offen. Der Börsenprospekt des Claude-Anbieters zeigt auch, warum ein riesiger Verlust nur einen Teil der Geschichte erzählt und weshalb Anthropic ein Modelltraining verschoben hat.
Amazon bekommt mindestens 110 Milliarden Dollar
Anthropic hat sich im April 2026 verpflichtet, zwischen Mai 2026 und April 2036 mindestens 110 Milliarden Dollar bei Amazon auszugeben. Der Betrag fällt auch dann an, wenn Anthropic die vereinbarte Rechenkapazität nicht vollständig nutzt. Bei einer Unterschreitung muss das Unternehmen die Differenz grundsätzlich ausgleichen.
Der Vertrag ist dazu nicht kündbar. Eine Ausnahme sieht der Prospekt vor, wenn Amazon eine wesentliche Vertragsverletzung nicht behebt. Anthropic bindet sich damit für zehn Jahre an einen Anbieter, der zugleich Investor und Konkurrent ist.
Anzeige
Bis zu 120,5 Milliarden Dollar für Rechenleistung von SpaceX
Auch mit SpaceX von Elon Musk hat Anthropic mehrere Verträge für Rechenleistung mit Nvidia-Grafikchips geschlossen. Sie sehen Ausgaben von bis zu 120,5 Milliarden Dollar über Laufzeiten bis 2029 vor.
Sobald die gesamte Kapazität bereitsteht, erwartet Anthropic Kosten von rund 3,1 Milliarden Dollar pro Monat. Anders als beim Amazon-Vertrag können beide Seiten die einzelnen Vereinbarungen nach den anfänglichen Bindungsfristen Anfang 2027 mit 90 Tagen Vorlauf kündigen. Die 120,5 Milliarden Dollar sind daher ein möglicher Gesamtbetrag, keine mit dem Amazon-Minimum vergleichbare feste Zahlungspflicht.
Eine einzige Aktie sichert den Gründern die Stimmenmehrheit
Kurz vor dem Börsengang erhält eine Gesellschaft der sieben Mitgründer eine einzige Aktie der Klasse F. Sie verschafft ihr bei allgemeinen Abstimmungen 50,1 Prozent der gesamten Stimmrechte, darunter bei der Wahl eines Teils des Verwaltungsrats. Die Aktie selbst vermittelt keinen wirtschaftlichen Anspruch, aber jede Menge Macht.
Die Mehrheit der Verwaltungsratssitze wählt grundsätzlich ein unabhängiger Trust mit Schwerpunkt auf Anthropics langfristigem Gemeinwohlziel. Zusammen können der Trust und die Gründergesellschaft alle Mitglieder des Verwaltungsrats bestimmen. Käufer der regulären Börsenaktien bekommen je Aktie eine Stimme, die Gründer behalten aber bei allgemeinen Abstimmungen immer die Mehrheit. Herr der Ringe lässt grüßen.
Anzeige
Der Verlust von 80,7 Milliarden Dollar hat einen besonderen Grund
Im ersten Halbjahr 2026 verbuchte Anthropic bei 16,3 Milliarden Dollar Umsatz einen Nettoverlust von 80,7 Milliarden Dollar. Darin stecken 72,4 Milliarden Dollar aus Wertänderungen von Wandelanleihen und anderen Finanzinstrumenten. Der größte Treiber war die gestiegene Unternehmensbewertung, die den Wert ausstehender Wandelanleihen erhöhte.
Für das operative Geschäft weist Anthropic im selben Zeitraum einen Verlust von 693 Millionen Dollar aus. Der Unterschied zeigt, weshalb der Nettoverlust nicht einfach mit den laufenden Kosten für Claude gleichgesetzt werden kann.
Anthropic verschob ein Training aus Sicherheitsgründen
Anthropic hat das Vortraining eines neuen Basismodells kürzlich um mehr als einen Monat verschoben. In dieser Zeit wollte das Unternehmen seine Sicherheitsmaßnahmen verstärken, um den Diebstahl der Modellgewichte zu erschweren und geistiges Eigentum zu schützen.
Der Prospekt nennt außerdem das Modell Mythos, das im April 2026 zunächst nur ausgewählten Organisationen für Cybersicherheitsanwendungen zugänglich gemacht wurde. Grund waren seine Fähigkeiten beim Aufspüren von Sicherheitslücken. Anthropic weist darauf hin, dass ähnliche Beschränkungen bei künftigen Modellen häufiger und kostspieliger werden können.