Das Ende des Kontext-Wahns
Warum immer größere Kontext-Fenster nicht die Lösung waren und Anthropic jetzt radikal auf Multi-Session setzt.

Langlaufende KI-Agenten scheiterten bisher oft an einem simplen Limit: Sie vergaßen schlichtweg ihren Auftrag oder den bisherigen Fortschritt, sobald die Session zu komplex wurde. Anthropic liefert nun die technische Antwort auf dieses Gedächtnis-Problem. Für Entwickler bedeutet das endlich zuverlässige Automatisierung komplexer Prozesse über mehrere Sitzungen hinweg.
Schluss mit der Amnesie bei komplexen Aufgaben
Bisher endeten ambitionierte Coding-Projekte oder umfangreiche Datenanalysen oft abrupt, sobald das Kontextfenster des Modells gefüllt war. Der Agent verlor den Überblick und halluzinierte oder brach ab. Anthropic begegnet diesem Hindernis mit einer neuen Architektur, die speziell für lang andauernde Aufgaben entwickelt wurde.
Anstatt zu versuchen, den gesamten Verlauf in einen einzigen Chat zu pressen, setzt die Lösung auf eine strukturierte Aufteilung der Arbeitsschritte. Das neue SDK ermöglicht es Claude, über die Grenzen einer einzelnen Sitzung hinaus zu "denken". Das System speichert den Status Quo extern und lädt bei Bedarf nur die relevanten Informationen neu. Das verhindert den klassischen "Overflow", bei dem wichtige Anweisungen vom Anfang der Konversation hinten herunterfallen.
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Der Initializer und der Coding-Agent
Die technische Umsetzung basiert auf einem dualen Ansatz, den Anthropic als "Harness" bezeichnet. Zuerst analysiert ein spezialisierter "Initializer-Agent" die Umgebung. Er erstellt eine präzise Karte des Repositorys und definiert die Spielregeln. Er verschafft sich also den Überblick, den das eigentliche Arbeitsmodell benötigt, ohne bereits Ressourcen für die Problemlösung zu verschwenden.
Anschließend übernimmt der "Coding-Agent". Dieser arbeitet nicht endlos am Stück, sondern erledigt Aufgaben in diskreten Einheiten. Er zieht sich die nötigen Informationen vom Initializer, führt einen Schritt aus – etwa das Schreiben eines Tests oder das Refactoring einer Klasse – und speichert das Ergebnis. So bleibt der Kontext frisch und relevant, ohne das Modell mit unnötigen Altlasten aus vorherigen, bereits abgeschlossenen Schritten zu überfluten.
Persistenz für echte Enterprise-Automatisierung
Der entscheidende Vorteil für die Industrie liegt in der Zustandsverwaltung (State Management). Entwickler können den Status einer Aufgabe nun persistent speichern und den Agenten exakt dort weiterarbeiten lassen, wo er aufgehört hat – selbst wenn dazwischen Tage liegen oder der Server neu gestartet wurde.
Das SDK bietet hierfür konkrete Werkzeuge:
- Pruning: Automatisches Entfernen irrelevanter Chat-Verläufe, um Token zu sparen.
- Summarization: Komprimierung vergangener Schritte, um das Gedächtnis effizient zu nutzen.
- Loop-Prevention: Mechanismen, die erkennen, wenn ein Agent sich im Kreis dreht, und eingreifen.
Anthropic schließt damit eine kritische Lücke zwischen theoretischem Potenzial und praktischer Anwendbarkeit autonomer Systeme, die nun Aufgaben erledigen können, die weit über einen einfachen Chat-Dialog hinausgehen.