Siemens-CEO Busch plant die vollautomatische Fabrik gegen den Arbeitskräftemangel
Roland Busch erklärt, warum Standard-KI in der Industrie versagt und wie proprietäre Daten den Unterschied machen.

Roland Busch sieht in der Vollautomatisierung den einzigen Weg für die Industrie, um global wettbewerbsfähig zu bleiben. Der Siemens-Chef erklärt im Interview mit theverge, warum Standard-KI in der Fabrik versagt und wie digitale Zwillinge den drohenden Kollaps durch fehlendes Personal verhindern.
Demografie erzwingt den Wandel
Die Debatte um künstliche Intelligenz dreht sich oft um die Angst vor Jobverlusten. Roland Busch hält dagegen: Die Demografie lässt den Industrienationen gar keine andere Wahl. Alternde Gesellschaften in Deutschland und China führen dazu, dass schlichtweg das Personal fehlt, um die Produktion aufrechtzuerhalten.
Vollautomatisierte Fabriken sind deshalb keine Gefahr, sondern eine Notwendigkeit. Nur durch massiven Technologieeinsatz lässt sich der Output stabilisieren. Der Mensch verschwindet nicht aus der Halle, übernimmt aber zunehmend steuernde Aufgaben, statt selbst Hand anzulegen.
Industriedaten schlagen Standard-Modelle
Herkömmliche Sprachmodelle (LLMs) genügen den harten Anforderungen einer Fertigungslinie nicht. Halluzinationen oder Ungenauigkeiten führen im industriellen Umfeld zu teuren Fehlern oder Sicherheitsrisiken. Siemens setzt daher auf spezialisierte Modelle, die mit jahrzehntelangen proprietären Maschinendaten trainiert werden.
Ein Beispiel zeigt die Grenzen reiner Simulation: Das Training von Robotern in einfachen virtuellen Umgebungen lieferte oft nur Trefferquoten von etwa 70 Prozent. Erst durch den Einsatz von fotorealistischem Raytracing und physikalisch korrekten digitalen Zwillingen stieg die Präzision auf das notwendige Niveau. Die KI muss die Realität optisch perfekt verstehen, bevor sie physisch eingreift.
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Lokale Technik für eine geteilte Welt
Geopolitische Spannungen und Zölle verändern die Lieferketten fundamental. Siemens reagiert darauf mit einer strikten „Local for Local“-Strategie. Fabriken produzieren dort, wo der Markt ist, um unabhängig von Handelsbarrieren zu bleiben.
Das betrifft auch die Software. Technologie-Stacks werden notfalls getrennt: In China laufen Systeme auf chinesischen KI-Modellen, im Westen nutzen die Anlagen amerikanische KI-Modelle. Diese technische Entkopplung sichert die Handlungsfähigkeit des Konzerns, selbst wenn politische Bündnisse bröckeln sollten.
Radikaler Umbau der Konzernstruktur
Um diese technologische Wende zu stemmen, bricht Siemens interne Strukturen auf. Die Initiative „One Tech Company“ beseitigt Datensilos zwischen den Abteilungen. KI und Software halten sich nicht an die Grenzen von Zugverkehr, Gebäudeinfrastruktur oder Fabrikautomation.
Der Konzern schafft horizontale Plattformen, die allen Geschäftsbereichen zur Verfügung stehen. Dies gilt als die tiefgreifendste Transformation der letzten zwei Jahrzehnte bei Siemens. Ziel ist es, Skaleneffekte bei der Softwareentwicklung zu nutzen und Kunden eine durchgängige Architektur anzubieten.