Werden unsere Kinder durch Social Media und KI erstmals dümmer?
Der historische Flynn-Effekt stagniert. Experten machen exzessive Bildschirmzeit und künstliche Intelligenz für sinkende Denkleistungen verantwortlich.

Die Generation Z schneidet bei kognitiven Basisleistungen messbar schlechter ab als vorherige Generationen. Aktuelle Daten aus Anhörungen vor dem US-Senat verknüpfen diesen Rückgang mit exzessiver Bildschirmnutzung. Neue Studien zeigen zudem, dass künstliche Intelligenz diese bedenkliche Entwicklung noch weiter verstärkt. Ist ein Verbot die Lösung?
Der Flynn-Effekt stagniert
Über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg stiegen die durchschnittlichen Ergebnisse in Intelligenztests von Generation zu Generation stetig an. Forscher bezeichnen dieses historische Phänomen als Flynn-Effekt. Neue Auswertungen von standardisierten Tests zeigen nun jedoch eine klare Umkehr dieses Trends. Jugendliche und junge Erwachsene erreichen heute niedrigere Werte in grundlegenden kognitiven Disziplinen als noch die Millennials im exakt gleichen Alter.
Experten sehen die Ursache für diesen Leistungsrückgang nicht in einer biologischen Veränderung des Menschen. Vielmehr prägt die veränderte technologische Umgebung die Art und Weise, wie das Gehirn Informationen im Alltag aufnimmt und verarbeitet.
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Schnelle Reize statt tiefer Verarbeitung
Ein zentraler Faktor ist der Einzug von Bildungstechnologien, der sogenannten EdTech, in die heutigen Klassenzimmer. Statt tiefgreifendem Lesen auf Papier fördern digitale Endgeräte ein flaches Überfliegen von Texten. Der Neurowissenschaftler Jared Cooney Horvath betonte bei einer Anhörung im US-Senat, dass ständige schnelle Reize die Aufmerksamkeitsspanne stark verkürzen. Das Gehirn trainiert sich intensiv darauf, Informationen nur noch flüchtig zu scannen.
Nutzen Schüler digitale Medien in ihrer Freizeit primär für schnelle Unterhaltung, übertragen sie dieses Verhalten unbewusst auf komplexe Lerninhalte. Gleichzeitig verkümmert die Fähigkeit zur anhaltenden, fokussierten Konzentration spürbar.
KI als kognitive Krücke
Zu dieser medialen Reizüberflutung gesellt sich ein weiteres Problem. Bei aktuellen Senatsanhörungen warnten Fachleute ausdrücklich davor, dass künstliche Intelligenz die geistige Entwicklung von Kindern und Jugendlichen gefährdet. Chatbots nehmen Schülern und Studenten heute zunehmend komplexe Aufgaben ab. Forschungen renommierter Institute wie dem MIT und Microsoft Research belegen, dass junge Menschen das kritische Denken an künstliche Intelligenz auslagern.
Das Gehirn verliert durch diese fehlende Anstrengung die wichtige Übung im eigenständigen und analytischen Problemlösen. Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von kognitiven Schulden. Generative KI produziert zudem in hoher Schlagzahl neue Bilder und Videos. Diese maschinell erstellten Inhalte erhöhen die visuelle Reizdichte auf den Bildschirmen weiter und erschweren eine tiefe Informationsverarbeitung zusätzlich.
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Schlafmangel blockiert das Lernen
Neben den kognitiven Defiziten am Tag beeinträchtigt die intensive Nutzung von Smartphones am Abend die allgemeine Schlafgesundheit. Ein erholsamer Schlaf ist jedoch zwingend notwendig, damit das Gehirn neu erlerntes Wissen langfristig im Gedächtnis festigen kann.
Fällt diese tiefe Ruhephase aus, verpufft der Lerneffekt. Das Zusammenspiel aus ausgelagertem Denken an KI-Systeme, oberflächlichem Lesen und unruhigem Schlaf erklärt den festgestellten Rückgang der kognitiven Basisleistungen. Bildungseinrichtungen stehen nun vor der Aufgabe, den Umgang mit diesen Technologien sachlich neu zu bewerten.
Kommt ein Verbot in Deutschland?
Auch in Deutschland gewinnt die Debatte um den Schutz von Minderjährigen im digitalen Raum an Fahrt. Aktuell diskutiert die Politik über ein mögliches Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 14 Jahren. Ziel einer solchen Regulierung wäre es, den frühen Kontakt mit algorithmisch gesteuerten Feeds und schnellen Reizen zu unterbinden.
Kritiker eines Verbots verweisen auf die schwierige technische Umsetzung einer strengen Alterskontrolle im Internet. Befürworter sehen darin jedoch einen notwendigen Schritt, um die kognitive Entwicklung der Heranwachsenden präventiv zu schützen.
Ob ein solches Gesetz tatsächlich in Kraft tritt, bleibt derzeit noch offen. Die politischen Diskussionen zeigen jedoch, dass die negativen Effekte von dauerhafter Bildschirmzeit zunehmend als gesellschaftliche Herausforderung ernst genommen werden.